Ein Bürgermeister als Bankenretter

Die Raiffeisenbank in Königstein schaut am 22. Februar auf 100 ereignisreiche Jahre zurück

Am 22. Februar 1914 schlug die Geburtsstunde eines neuen Geldinstituts. Der „Spar- und Darlehnskassenverein Gaißach“ hatte seine Geschäftsräume im Wohnzimmer der Familie Lederer („Feidn“) in Mitteldorf. Dort liegen die Anfänge der Raiffeisenbank Königstein, die an diesem Samstag 100 Jahre alt wird.

Georg Lederer war der erste Raiffeisenrechner. Nach seinem Tod 1939 übernahm seine Frau Babette dieses Amt, führte die Kasse und trug Kontenbewegungen in die Sparbücher ein. Ortsheimatpfleger Horst Pirner besitzt noch eines: Das Sparbuch Nr. 15 eröffnete sein Vater Karl im Gründungsjahr.

Vier Unterschriften nötig

Eine Einzahlung musste damals nicht nur der Rechner, sondern auch drei Vorstandsmitglieder bzeichnen.

Später fiel diese umständliche Vorschrift weg. Das angesparte Geld von Karl Pirner aus Funkenreuth verlor seinen Wert durch die Währungsreform 1923 völlig.

Die Einführung der D-Mark 1948 führte zu einer komplizierten Umrechnung. Sparbücher wurden 10:1 umgestellt: Aus 10 Reichsmark wurden 1 Deutsche Mark. Wer aber ein Sparguthaben aus der Zeit vor 1939 besaß, erhielt 10 Prozent mehr.

Die schwierige Rechnerei überforderte Babette Lederer, die ja „nur“ eine einfache Bäuerin war. Schließlich sagte sie zu ihren Kunden: „Ich kenn’ mich nicht mehr aus, geht’s doch zur Sparkasse nach Königstein!“ Das war zwar die Konkurrenz, aber sie wusste sich in ihrer Not nicht mehr anders zu helfen. Somit stand der Darlehenskassenverein vor der Auflösung.

Der damals neu gewählte Bürgermeister Georg Seibold war damit ganz und gar nicht einverstanden. Er wollte diese Bank um jeden Preis retten. Kurzerhand erklärte er sich selbst zum ehrenamtlichen Vorsitzenden, verlegte den Sitz nach Königstein und benannte den Darlehenskassenverein in „Raiffeisenbank Königstein-Gaißach“ um. Aufsichtsratsvorsitzender wurde der evangelische Pfarrer Christoph Bammes.

Seibold mietete im Haus der Familie Langer ein Geschäftszimmer an und ließ dessen Fenster zum Schutz vor Räubern vergittern. Den Gemeindeschreiber Andreas Renner ernannte der Bürgermeister zum Raiffeisenrechner.

Geschichte ist das 1959 errichtete Raiffeisengebäude mit Lagerhaus. 2011 wurde es abgerissen.

Das „stinkt“ der Besitzerin

Auf manche Kunden war die Hausbesitzerin Anna Langer allerdings nicht gut zu sprechen. Oft hielten Bauern mit ihren Bulldogs vor der Geschäftsstelle an, stellten den Motor nicht ab und ließen auch noch die Haustür offen. Die stinkenden Abgase zogen direkt ins Haus, und ihr kleiner Sohn Wilfried wachte immer wieder auf.

Die Lagerhalle für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die die Raiffeisenbank ebenfalls vertrieb, befand sich im jetzigen Getränkemarkt Renner in der Neuhauser Straße. Das Anwesen gehörte damals dem Bürgermeister Seibold selbst. Seine Familie verkaufte Mineraldünger, Futtermittel oder was die Kunden sonst haben wollten.

Günter Seibold, der Sohn des Bürgermeisters, erinnert sich noch gut an diese Zeit: „Die Bauern kamen zum Lagerhaus, wann sie wollten. Sogar sonntags, so dass wir nicht einmal am heiligen Feiertag Ruhe hatten. Auch spätabends kamen sie noch daher.“ Eine schwere Last waren die 75-Kilo-Jutesäcke voll Mineraldünger, die vom Neuhauser Bahnhof abgeholt werden mussten. Zuerst wuchtete man sie die Treppen des Lagerhauses hinauf, später beim Verkauf dann wieder hinunter. Da war es dann schon eine große Erleichterung als sie durch 50-Kilo-Papiersäcke ersetzt wurden.

Kirwa-Besuch wird zur "Dienstpflicht"

1957 fing Erwin Blendinger bei der Raiffeisenbank Königstein eine Ausbildung an. Gleich zum Eintritt belehrte ihn der Chef Andreas Kugler über eine seiner Pflichten: Sosollte er abends nach der Arbeit die Nachkirchweihen in Königstein, Gaißach, Lunkenreuth und Namsreuth besuchen, um sich dort „sehen zu lassen“.

Sonntags nach der Kirche kamen sehr viele Kunden in die Raiffeisenbank, und Erwin Blendinger half freiwillig mit, sie zu bedienen. Der Lehrling von einst wurde im Lauf der Zeit Geschäftsführer und Vorstandsmitglied. 1997 ging er nach 40 Jahren bei der Raiffeisenbank in den Ruhestand.

Genauso lang war sein Nachfolger Hans Meidenbauer bei der Raiffeisenbank tätig, bis auch er 2008 in Rente ging.

„Banker“ bringt die Kohle frei Haus

Der bekannteste Bankkaufmann in der Geschichte der Königsteiner Raiffeisenbank ist sicherlich der heutige Bürgermeister Hans Koch. Viele Kunden erinnern sich noch daran, wie er in einer Glaskabine saß und ihnen als Kassierer das Geld auszahlte. Geldautomaten gab es zu jener Zeit noch nicht.

Als die Raiffeisenbank Eschenfelden Anfang der 70er Jahre mit Königstein fusionierte, brachte sie ihr Warengeschäft mit in diese Verbindung ein. Kohlen kamen damals in der Form von Eierkohlen, Steinkohlen und vor allem Briketts auf dem Dorfplatz in Eschenfelden an. Die Angestellten der Raiffeisenbank wogen die bestellten Mengen ab, verpackten sie in Säcke und fuhren sie in den Dörfern aus.

Auch Hans Koch beförderte mit einem VW-Kombi die Kohle zu den Kunden. Da die Lieferung frei Haus erfolgte, musste er die Säcke oft in den Keller oder in den Schuppen schleppen. „Das hat immer ein gutes Trinkgeld eingebracht“, schmunzelt er heute.

Die jüngere Raiffeisen-Geschichte

1959 baute die Bank ein eigenes Haus mit einer großen Lagerhalle in der Auerbacher Straße, um das wachsende Warengeschäft zu bewältigen. Der wirtschaftliche Aufschwung trieb die Bilanzsumme in den nächsten Jahrzehnten rapide nach oben. 1957 hatte sie bei 500 000 DM gelegen; bei der Fusion mit Edelsfeld 1992 waren es stattliche 50 Millionen.

Dagegen verlor das Warengeschäft an Umfang. Schuld daran war das Bauernhofsterben in den 90er Jahren. Die Königsteiner Raiffeisenbank gab ihr Lagerhaus auf und siedelte sich 1996 wegen der besseren Lage mit ihrer Geschäftsstelle am Marktplatz an.

Vor drei Jahren wurde die Geschäftsstelle umgestaltet und den neuen Sicherheitsvorschriften angepasst. Geschäftsstellenleiter ist seit 2010 Michael Zahn aus Kürmreuth.

Quelle: Sulzbach-Rosenberger Zeitung